Land der unbegrenzten Gegensätze

Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein werden auch in den USA immer wichtiger – für eine Minderheit

Im Sommer bin ich mit meiner Familie drei Wochen durch den Nordosten der USA gereist. Wir haben mehrere Weltstädte erkundet, dazwischen lange Strecken in wenig bis gar nicht bebauten Gebieten zurückgelegt. Wir haben in Airbnb-Unterkünften genächtigt, in Privathäusern bei Freunden, in Motels und Hotels. Doch genug der Reisebeschreibung. Hier geht’s um unsere Erlebnisse und Eindrücke in Bezug auf die USA und den Umgang ihrer Bewohner*innen mit Müll.

Unser subjektiver Eindruck: Mülltrennung und Recycling sind wichtiger geworden – Haushalte trennen den Müll in Restmüll und recyclebaren Müll (sauberen Papier-, Plastik- und Glasmüll … alles in einer Tonne, der Müll wird dann maschinell sortiert). Zumindest scheint das an der Ostküste jetzt Usus zu sein, und auch eine Freundin aus Arizona berichtete, dass dort der Müll generell so getrennt werde. Vor vier Jahren – damals lebten wir in Arizona – waren Recycling-Tonnen noch selten, meist landete alles im Restmüll.

Plastik-Tragetaschen werden in den Geschäften zwar nach wie vor gerne und großzügig verteilt, Mehr-Weg Tragetaschen gibt es aber mittlerweile fast überall zu kaufen. Viele scheinen sie auch tatsächlich zu verwenden. Vor vier Jahren in Arizona waren Mehrweg-Taschen noch ein Minderheitenprogramm, das vor allem schicke, wohlhabende, gesundheitsbewußte Kund*innen der teuren Bio-Lebensmittelläden in Anspruch nahmen. Alternativ gab und gibt es dort Einweg-Papier-Taschen. Biolebensmittelketten richten sich mit ihrem Angebot übrigens immer noch an eher betuchte Kund’innen. Diese ordern ihre Einkäufe oft online – auch wenn der nächste Laden nur wenige Gehminuten entfernt liegt – und bekommen sie vor die Haustüre geliefert. Natürlich mit Lieferwägen, jeder volle Papier-Einkaufssack vorsorglich in einen zweiten verpackt (einer allein könnte ja reißen). Egal, dafür gibt’s ja dann die Recycling-Tonnen…

Bei diesen Recycling-Tonnen sieht man übrigens sehr oft Menschen, die nach Plastik-Flaschen suchen. Für viele dieser Flaschen gibt es nämlich 5 Cent Pfand … zu wenig, als dass die Wohlhabenden sich die Mühe machen würden, die Flaschen zurückzubringen, für die weniger Wohlhabenden eine Möglichkeit, ein paar Cent zu verdienen.

Auch als Hotel- bzw. Motel-Gäste produzieren wir in den USA unendlich viel Müll. Denn das Frühstück wird in günstigeren Unterkünften  prinzipiell in Wegwerf-Geschirr serviert: Papier- oder Styroporbecher für den Kaffee, Papier-, Styropor- oder Plastikteller für diverse in Plastik verpackte Cerealien, Brote, Butter, Marmelade, Cream Cheese …, Plastikbecher für den Orangensaft oder das Wasser. Dafür sind die harten Eier bereits geschält (ich nehme an, man kann sie bereits so kaufen … vermutlich in Plastik verpackt) und Omeletts – so sie angeboten werden – so regelmäßig, dass mit Recht vermutet werden kann, sie werden bei irgendeinem Großhändler bereits fertig gekauft und dann in der Mikrowelle aufgewärmt. Ja, das gibt’s wirklich. Auch Ei-Masse (wahlweise mit oder ohne Dotter) kann man übrigens bei Walmart im Tetrapack erstehen.

In Plastik, Karton und Papier Verpacktes für den kleinen Hunger und Durst zwischendurch gibt’s bei diversen Coffee-Shops, Fast Food Ketten und Diners. Und wer abends keine Unsummen ausgeben möchte, also etwa in einer „normalen“ Pizzeria seinen Hunger stillt, darf sich nicht wundern, wenn er seine Pizza ebenfalls auf einem Einweg-Teller serviert bekommt. Lichtblick: manche Coffee-Shops verkaufen schicke abwaschbare Take-away-Kaffeebecher. Anscheinend werden die auch wirklich verwendet – zumindest haben wir ab und zu Vertreter*innen der schicken Klientele gesichtet, die ihre Becher dort auffüllen ließen.

Die Hard Facts: Der amerikanische Durchschnittsbürger benutzt heute mehr Plastikbecher als vor zehn Jahren, wirft sie aber nicht mehr in den Restmüll, sondern in die Recycling-Tonne. US-Amerikaner stellen 4,6 Prozent der Weltbevölkerung, verbrauchen aber 32 Prozent des gesamten Papiers und weltweit am meisten Plastik. Der durchschnittliche Müllverbrauch ist seit 1960 von 1,2 Kilogramm pro Kopf und Tag auf zwei Kilogramm im Jahr 2000 gestiegen, davon wird heute mehr als ein halbes Kilogramm wiederverwertet. Pro Jahr macht das rund 254 Millionen Tonnen Siedlungsabfall – die Tendenz ist nach wie vor steigend. Allerdings ist eine Tendenz weg von der Müllverbrennung und Deponierung hin zur Wiederverwertung feststellbar (Quellen: Greenpeace Magazin, Recyclingmagazin.de). Während die EU kostenlose Plastiktragetaschen verbietet, ist es in den USA in einigen Bundesstaaten (z.B. Arizona, Florida, Mississippi) eine Art “präventives Regulierungsverbot”, das ein Verbot von Plastiktragetaschen unmöglich macht. Verboten sind kostenlose Plastiktragetaschen nur in Kalifornien und Hawaii. (vgl. www.diewelt.de).

Fazit: Recycling und Nachhaltigkeit sind schick in den USA – man muss es sich halt leisten können und auch offen sein für diese Themen. Wer mehrere Jobs braucht, um sein Überleben zu sichern, wer mit weit über 70 noch an der Supermarkt-Kasse stehen muss, um sich die Miete und das Essen leisten zu können, wer, wenn er krank wird, fürchten muss, die Behandlung nicht bezahlen zu können, für den sind Recycling und Nachhaltigkeit keine primären Anliegen.

Wegwerf-Verpackungen beim Frühstück, im Supermarkt, beim Fast Food … in den USA produzieren Mr. und Mrs. Average pro Tag und Kopf im Durchschnitt 2 kg Müll.

Fotos © Su Sametinger

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